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Druschba Offline

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BeitragVerfasst am: 14.07.2008 23:18    Titel: Halbstark
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Hier noch ein Artikel über die Halbstarken. Das war ja offensichtlich für manche Schlimmer als der Krieg.

http://www.online-merkur.de/seiten/lp200807b.php

Halbstark!

Aus der Urgeschichte der Popkultur

Von Bodo Mrozek


»Wenn es Nacht wird, beginnt die Herrschaft der Lederjacken. Wenigstens denken sie, dass es so ist – die jungen Leute, die, wenn es Abend geworden ist, in dunkelrotes oder braunes Lederzeug gehüllt, mit aufheulenden Motoren von den Städten ins Land hinausbrausen.« So stand es am 17. Oktober 1958 in der Zeit. Anlass für den nachfolgend ausgebreiteten Kulturpessimismus war ein Überfall auf den Bremer Wirtschaftssenator, den »jugendliche Banditen« in der Bonner Altstadt niedergeschlagen und beraubt hatten. Als Beweis für die Täterschaft Jugendlicher diente der Wochenzeitung »ein wichtiger Hinweis der Polizei: Der Haupttäter trug eine Lederkombination, wie Motorradfahrer sie tragen«. Der Zeit-Artikel blieb nicht lange unwidersprochen. »Es ist gar keine Frage, dass auch Ganoven, Luden und Kommissare Lederjacken tragen«, räumte die Zeitschrift Das Motorrad (Nr. 24, 1958) in einer Replik ein, wies jedoch darauf hin, »dass es auch noch Kerle im Lederzeug gibt und nicht nur Ganovenbabys«. Wenig später setzte das Zentralorgan der Zweiradfahrer nach: »Die gleiche Mentalität, die uns Deutsche einst anderen Menschen bunte Stofffetzen an die Jacken heften hieß, um sie als Untermenschen zu kennzeichnen – die gleiche Unsachlichkeit richtet sich heute gegen uns als Motorradfahrer.« In dieser ihrerseits mehr als unsachlichen Antwort kulminierte ein Generationenkonflikt, der bereits seit Jahren schwelte. Schon seit Mitte der Fünfziger hatten Nachrichten über Provokationen und Übertretungen die Gemüter erregt. Im Sommer 1956 randalierten die Besucher von Rock-’n’-Roll-Konzerten in Washington, Minneapolis und San José, im Herbst führte die Aufführung des ersten Filmes mit Elvis Presley Love Me Tender zu mehrstündigen Straßenschlachten. In London gingen im September dreihundert Polizisten gegen Jugendliche vor, in Dublin rotteten sich nach einem Konzert Bill Haleys rund tausend Halbwüchsige zusammen. Aus der Menge heraus warfen sie Schaufensterscheiben ein und rissen die Zapfsäulen einer Tankstelle aus ihrer Verankerung. Der Selbstmord eines Schuldirektors in Brooklyn Anfang des Jahres 1958 wurde auf dessen Verzweiflung über die Schulunruhen zurückgeführt, die seit einigen Jahren für Schlagzeilen sorgten. In Stockholm flogen Molotowcocktails auf Polizisten. Aus Oslo, Kopenhagen, Prag, Mährisch-Ostrau und Jarosaw in Polen, aus Wien und selbst aus Tokyo wurden ähnliche Vorkommnisse gemeldet. Obwohl Lehrlinge und Hauptschüler das Gros der Randalierer stellten, rekonstruierte eine flugs gebildete sozialwissenschaftliche Task force, dass es keine Arbeiterjugendlichen, sondern Bürgerkinder aus dem Berliner Vorort Lichtenrade waren, die jene vermeintlich amerikanischen Verhaltensweisen nach Deutschland importiert hatten. Zum ersten Mal wurde im Sommer 1954 eine Gruppe »von etwa 20 Söhnen angesehe ner Eltern« auffällig.(1) Auf schweren Motorrädern war sie über die Havelchaussee zu einer schwimmenden Gaststätte gedonnert und hatte dort allerlei groben Unfug getrieben: Nacktbaden, Sach beschädigung, Beamtenbeleidigung, Zechprellerei und Erpressung eines Gastwirtes, Verunreinigung öffentlicher Freigewässer (namentlich die Versenkung eines Blumenkastens darin), unbefugte Inbetriebnahme eines Personenkraftwagens und dergleichen mehr. Diese Aktionen zeigten auffällige Ähnlichkeit mit László Benedeks Kinofilm The Wild One (1953). In dem archetypischen Biker-Movie spielt Marlon Brando den Anführer einer Gruppe, die eine Stadt terrorisiert. Das Vorbild waren Ereignisse, die sich 1947 in der kalifornischen Stadt Hollister abgespielt hatten. Anlässlich eines illegalen Motorradrennens hatten rund viertausend Jugendliche die vollkommen überraschten Beamten der Highway Patrol verjagt und die Kleinstadt mehrere Tage lang unter ihre Kontrolle gebracht. Erst der Aufmarsch der Nationalgarde beendete den fröhlichen Zustand faktischer Anarchie. Diese zuerst durch Frank Rooneys Kurzgeschichte The Cyclist’s Raid, dann durch das Kino global verbreitete Episode gilt als Initialzündung für die Krawallwelle der Halbstarken. Unter diesem Namen firmierte die widerspenstige Jugend der fünfziger Jahre in Deutschland, das Wort selbst ist indes älter. Hermann Popert verwendete es 1905 in seinem patriotischen Roman Helmut Harringa für »junge Kerle, mit schmierigen Mützen über den fahlen Gesichtern«. »Der >Halbstarke< ist der >verkommene< junge Mensch. Verkommen heißt falsch kommen; der Verkommene ist falsch in das Leben hinein gekommen; er ist auf den falschen Weg geraten, und wohin ihn dieser Weg auch führt, er bringt ihn immer an ein falsches Ziel«, heißt es 1912 in der broschierten Mahnschrift Der Halbstarke des Hamburger Pastors Clemens Schulten. Im Zusammenhang mit den Protesten vom 17. Juni 1953 tauchte das Wort in DDR-Medien wieder auf, 1955 gelangte es erstmals in Küppers Wörterbuch der deutschen Umgangssprache. Offenkundig als Herabwürdigung gemeint, veränderte der Begriff durch Schlager und Film seine Semantik und wurde schließlich von den Jugendlichen zur Selbstbezeichnung akzeptiert. Im Sommer 1956 tauchten in einem Jugendwohnheim in Braunschweig Handzettel auf: »Am Sonnabend abends um 8 Uhr Halbstarkentreffen. Münzstraße. Gummiknüppel sind mitzubringen. Die Panther.« Zwar deuteten die eilig eingeleiteten Nachforschungen auf einen minderjährigen Einzeltäter, doch für die Begriffsgeschichte hat die Quelle Indizienwert. In anderen europäischen Ländern diente die Kleidung, vor allem die Lederjacke, zur Bezeichnung der aufmüpfigen Jugend. In Frankreich nannte man die Halbstarken »blousons noirs«, in Dänemark »Laederjackker«. In Moskau provozierten »stilyagi« (Stiljäger), und die britischen »Teddy Boys« verdankten ihren Namen den langen zweifarbigen Sakkos, die schon König Edward VII., von seinen Freunden Ted genannt, getragen hatte. Besonders jedoch provozierte die Lederjacke. Die auflagenstarke deutsche Illustrierte Revue (Nr. 26, 1964) stellte sie ins Zentrum einer Art Totalitarismustheorie: »Die Lederjacke kollektiv getragen: internationale Uniform von Angebern und Kraftmeiern. In Russland trug sie die GPU grausigen Angedenkens. Im Nazireich bestimmte Parteibonzen. Heute tragen sie die internationalen Rowdies. Komplexe von Schwäche und Dummheit sollen unbewusst durch die Büffelhaut überkompensiert werden.« Den Anlass für diese Betrachtung bildete abermals ein Handgemenge mit der Polizei. Wie ein typischer Halbstarkenkrawall verlief, schildert eine zeitgenössische kriminologische Studie am Beispiel Hannovers.(2) Nach dem Besuch des Fil mes Rock Around the Clock hatten am 4. Dezember 1956 zahlreiche Halbwüchsige »in einer Atmosphäre der Unternehmungslust« das Kino verlassen. Schreiend, johlend und singend waren sie in die Innenstadt gezogen und hatten dort erfolglos versucht, sich Einlass in Lokale zu verschaffen. Etwa vierzig Jugendliche drangen ins Rondo und danach in die Tanzdiele Prinz Max ein, zertrümmerten Fensterscheiben, rissen einen Vorhang herunter und beschädigten das Mobiliar. Späteren Aussagen zufolge sollte dem Inhaber, der stets Verzehrkarten verlangt hatte, so einmal gezeigt werden »wie stark wir sind«. Typisch ist die trotz rund vierhundert Beteiligter verhältnismäßig geringe Schadensbilanz ebenso wie die Ziellosigkeit und Spontaneität der Aktionen. Viele Akteure sprachen hinterher vom Übermut, der sie gepackt habe. Ähnliche Szenen spielten sich bald in allen größeren deutschen Städten ab. Die randalierende Jugend sei »schlimmer als die Atombombe«, urteilte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (31. Dezember 1955). In Berlin entschloss man sich zum Handeln. Beim Senator für Inneres gründeten Vertreter der Senatsverwaltungen Jugend und Sport, Justiz, Volksbildung, Staatsanwaltschaft und der Polizeipräsident die »Kommission zur Bekämpfung des Rowdytums«. Die Ermittler konzentrierten sich auf zwei Schwerpunkte jugendlicher Delinquenz. Verstärkter Überwachung wurde einerseits die Straße unterzogen, anderseits jene Schankwirtschaften, die als Treffpunkte »Jugendlicher, Heranwachsender, Rowdies oder Asozialer Elemente« einschlägig bekannt waren. Als berüchtigt galten etwa die Frasquita Bar, die Künstlerklause, das Rififi, der Eden Salon und die Teenager Bar. Auch das Fidele Rheineck machte seinem Namen alle Ehre: Allein in der Zeit vom 14. Mai bis zum 28. August 1959 wurde die Gaststätte zum Ort von 24 Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen Diebstahl, Raub, unbefugtem Waffenbesitz, Sachbeschädigung und Körperverletzung. Schon bald vermeldeten die Ermittlungsakten erste Erfolge. In nur vier Monaten nahmen Beamte 1143 Heranwachsende aufgrund des Jugendschutzes in Gewahrsam. Bei Razzien in zwei Gaststätten in den Berliner Bezirken Wilmersdorf und SO 36 waren 42,3 Prozent der überprüften Personen bereits kriminalpolizeilich in Erscheinung getreten, 11 Prozent von ihnen verzeichnete die Polizei in der eigens für die Halbstarken angelegten »Schläger-Kartei«. Die Wirte der als besonders einschlägig bekannten Lokale mussten um ihre Lizenz fürchten, einige Gaststätten wurden polizeilich geschlossen. Gleichzeitig wurde die Kontrolle der Straße intensiviert. Der steigende Wohlstand im Zuge des sogenannten Wirtschaftswunders, namentlich der Zweiradindustrie, hatte allmählich auch die Jugendlichen erreicht. Eine Kreidler Florett aus Stuttgart oder eine Signum MZ aus Zwickau waren nicht nur Statussymbole, sie ließen sich auch effektvoll zur Passantenbelästigung einsetzen. Im Wedding ging die Totenkopfbande in die Akten der Senatsverwaltung ein: Rund um das Café Punkt rotteten sich seit dem Sommer 1956 regelmäßig bis zu hundertfünfzig motorisierte Jugendliche zusammen, mit Lederjacken, weißem Helm und einem Totenkopfanhänger einheitlich gekleidet. Den Straßenverkehr störten sie durch Fahren im Konvoi und das Abstellen der Maschinen auf Gehwegen erheblich. Nach Anwohnerprotesten entbrannte eine neuerliche Debatte um den Missbrauch der Geschwindigkeit. Zwar intervenierte noch 1959 anlässlich einer Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus die Senatorin für Jugend und Sport, dass »viele Verhaltensweisen Jugendlicher, die von der Bevölkerung als störend empfunden werden, wie das Motorradknattern, ausgesprochene Ungezogenheiten, aber noch kein kriminelles Verhalten sind«. Doch als sich die Beschwerden über unpassierbare Gehwege häuften, geboten Kriminalpolizei-, Gesundheits- und Jugendamt dem modi schen Imperativ »live fast!« mit Verkehrskontrollen, Halteverbot und Geschwindigkeitsbeschränkungen Einhalt. Sie stießen auf geballten Widerstand. Aus Protest gegen die Zwangsverwahrung mehrerer Jugendlicher kam es zu tagelangen Tumulten. Bis zu tausend überwiegend junge Demonstranten errichteten Blockaden und griffen mit Steinwürfen die Polizei an, Wasserwerfer wurden eingesetzt. Nach intensiver Ermittlungstätigkeit meldete die West-Berliner Kommission zur Bekämpfung des Rowdytums 800 Anzeigen, 1300 gebührenpflichtige Verwarnungen und die Sicherstellung von 410 Fahrzeugen. »Durch diese Maßnahmen ist bereits ein gewisser Erfolg zu verzeichnen, denn bei den letzten Kontrollen wurde bereits eine erhöhte Verkehrssicherheit der Fahrzeuge (50%) und ein verkehrsmäßiges Verhalten der Fahrzeughalter festgestellt«, heißt es in den Akten. Die offenkundige Fetischisierung von Technik und Geschwindigkeit hat man in den Sozialwissenschaften als Folge verdrängter Motorik oder als pubertäres Übergangsphänomen interpretiert. Tatsächlich war ein großer Teil der Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Vater aufgewachsen. Die männlichen Jugendlichen standen nun vor der Aufgabe, der alleinerziehenden Mutter den »Mann im Haus« ersetzen zu müssen. Alexander Mitscherlich hat in Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft auf die Wechselwirkungen von sozialem Verzicht, Triebüberschuss und den »sogenannten technischen Prothesen der Ausrüstung« hingewiesen. Das Verhältnis der jungen Männer zu ihren Maschinen war ein durchaus emotionales, wenn nicht sogar ein erotisches. Klaus Theweleit beschreibt in Männerphantasien die Wunschmaschine als Symbiose aus Mensch und Technik: »ein in gleichmäßige Bewegungsfunktionen transformiertes beherrschtes >Triebleben<, ohne Gefühl, machtvoll, mit Lustintensitäten von der Art der >Geschwindigkeit< der >Explosion<.« Dass der Rausch der Geschwindigkeit auch von den Halbstarken als Ehe mit einer solchen »mechanischen Braut« gefeiert wurde, belegen empirische Arbeiten. Eine verkehrspsychologische Studie sammelt die Bezeichnungen, die jugendliche Mopedfahrer ihren Fahrzeugen ga ben.(3)Darunter sind nicht nur amerikanisierende Eigennamen wie Norton-Micky, Blue-Tiger, Devil und Mecki, sondern häufig feminine Kosenamen: Baby, Susi, oder schlicht der Name der Freundin oder eines bewunderten Mädchens aus der Nachbarschaft. Die totale Automobilmachung der motorisierten Gesellschaft nahmen die Halbstarken mit ihrer Technikzentrierung bereits vorweg. Das in illegalen Straßenrennen zelebrierte Vergnügen an der Geschwindigkeit, die vermeintlich sinnlose Raserei erscheint so als Übergangsritual an der Zeitschwelle zu einer beschleunigten Moderne. Wenn mit der Zivilisationstheorie von Norbert Elias »Temporalstrukturen den zentralen Ort der Koordination und Integration individueller Lebensentwürfe bilden«, dann geht der Riss mitten durch das Zeitempfinden der Generationen. Das veränderte Rhythmusgefühl stieß nicht nur in der neuen Musik, dem Rock ’n’ Roll, auf heftige Ressentiments der Älteren. Auch das noch nicht als Kunstform anerkannte, sondern als »Kintopp« verunglimpfte neue Medium Film erregte Widerspruch. In einer Betrachtung über die Begeisterung Jugendlicher für das Kino heißt es 1955 in der Zeitschrift Universitas: »Das Tempo, der schnelle Wechsel und der zumeist für diese Stufe wenig geeignete Inhalt wirken eher verwirrend als klärend.« Das Kino ermöglichte nicht nur die Begegnungen zwischen den Geschlechtern im Schutze dämmriger Polstersessel, was zeitgenössische Moral und enge Nachkriegsverhältnisse sonst erschwerten. Als massenwirksames Medium verbreitete der Film in schnellen Schnitten die Zeichen der neuen Zeit erstmals weltweit an die Generation, die sie zu lesen verstand. Zumindest dem Tempo auf der Straße ließ sich auf dem Verordnungsweg Einhalt gebieten. Am 5. Juni 1956 erging in Bayern ein Regierungserlass, der das motorisierte Fahren aus purer Lust unter Strafe stellte. Der Gebrauch von Krafträdern ist seitdem nur noch »zur Erreichung eines Verkehrszieles« zulässig, nicht aber, wenn er »der reinen Unterhaltung dient und dadurch andere belästigt werden, wie beim Fahren rund um die Häuserblocks«. Auch in der DDR schrieben die Halbstarken Rechtsgeschichte. Dort griffen die Behörden weit schärfer durch. Schon nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 hatte die Ost-Berliner Presse den sogenannten Texas-Boys die Schuld an den Krawallen zugeschoben. Angeblich habe es sich um »ferngesteuerte« Provokateure der West-Alliierten gehandelt. Die SED-Zeitung Neues Deutschland veröffentlichte am 21. Juni das Foto eines Minderjährigen mit einem T-Shirt und einer Krawatte mit Cowboymotiv. Die Bildunterschrift dazu lautete: »So sieht die faschistische Brut der Adenauer, Ollenhauer, Kaiser und Reuter aus!« Halbstarke waren in der DDR nicht nur mit dem Schulverweis bedroht, im Strafgesetzbuch wurde für sie der Paragraph 215 etabliert, der bezeichnenderweise nach einem aus dem Amerikanischen abgeleiteten Wort benannte »Rowdyparagraph«. Er blieb allerdings so unbestimmt, dass er jahrzehntelang auch für politische Verurteilungen genutzt wurde: »Wer sich an einer Gruppe beteiligt, die aus Missachtung der öffentlichen Ordnung oder der Regeln des sozialistischen Gemeinschaftslebens Gewalttätigkeiten, Drohungen oder grobe Belästigungen gegenüber Personen oder böswillige Beschädigungen von Sachen oder Einrichtungen begeht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Haftstrafe bestraft.« Halbstarke mussten empfindliche Strafen fürchten. So verhängte das Bezirksgericht Dessau Ende März 1959 wegen »Hetze« gegen Parteifunktionäre über sieben Mitglieder eines Rock-’n’-Roll-Clubs Zuchthaus- und Gefängnisstrafen von bis zu zweieinhalb Jahren. Das Bezirksgericht Leipzig verurteilte Ende Oktober desselben Jahres fünfzehn Jugendliche wegen Landfriedensbruchs und »Staatsverleumdung« zu Zuchthaus zwischen einem halben und viereinhalb Jahren, weil sie für Elvis und den Rock ’n’ Roll schwärmend durch die Straßen eines Vorortes gezogen waren. Im Westen erreichte die Halbstarkendebatte 1956 den Bundestag. Mit einer Kleinen Anfrage versuchte die FDP Strafverschärfung für jugendliche Täter zu erlangen, doch der Bundesjustizminister lehnte ab: »Im Gegensatz zu der Auffassung, die in zahlreichen Presseberichten der letzten Jahre zum Ausdruck kommt, muss aber festgestellt werden, dass die Jugendlichen gerade an schwersten Verbrechen in wesentlich geringerem Umfang beteiligt sind als erwachsene Täter, die mit der ganzen Härte des Gesetzes getroffen werden können.« Tatsächlich führte die Debatte um die vermeintliche Jugendgewalt ins Leere. Im Verhältnis zur Anzahl der an Krawallen beteiligten Jugendlichen, die oftmals in die Hunderte ging, blieb der Sachschaden meist ausgesprochen gering. In Augenzeugenberichten fällt zudem auf, dass die Gewalt nicht immer von der Menge der Halbstarken ausging, sondern gelegentlich von Passanten oder der Ordnungsmacht. Als Provokation des allgemeinen Moralempfindens reichten fliegende Petticoats oder ein Transistorradio mit »Negermusik« aus, wie das Beispiel eines Boxers zeigt, der in Hannover auf eine Menge Jugendlicher losging und Hiebe verteilte, bis die Polizei einschritt – gegen die Jugendlichen. Es ist nicht ihre angebliche Gewalttätigkeit, sondern ihr generationeller Stil, der die Halbstarken deutlich von der älteren Generation abgrenzt. Später machten die Texashosen der Halbstarken un ter dem Namen Jeans Karriere als Freizeituniform des nivellierten Mittelständlers. Und auch die »burschikosen« Frisuren der Mädchen, die Kreppsohlen, Ringelsocken, Cowboy- und Bowlinghemden sind semantische Zeichen einer Sprache der Mode, die erstmals über die Grenzen von Klasse, Schicht, Religion oder Nation hinaus zur Konstituierung einer Generationenidentität unter dem Zeichen des Pop dient. Die Subkulturen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – etwa Zazoos, Swings, Edelweißpiraten, Schlurfs oder die Tango-Jünglinge der Weimarer Republik – blieben meist regional und im Verborgenen. Die Halbstarken aber traten nicht nur laut, aggressiv und selbstbewusst auf, sie scheuten auch den Konflikt mit den alten Autoritäten nicht. Ihre Ideale sind dabei wenig abstrakt. Als Elvis Presley 1958 in dem Film King Creole gefragt wird, was er im Leben erreichen wolle, entgegnet er mit trotziger Stimme: »Ich will ein blaues Cabriolet!« Die jüngere Konsumgeschichte hat die den Halbstarken nachfolgenden Teenager folgerichtig als Akteure entdeckt, deren Bedürfnisse nach Kofferradios, Plattenspielern, Peter-Kraus-Pullovern und Kleinkrafträdern sich marktkonform in die Prinzipien von Angebot und Nachfrage fügten.(4)Vor dem Verdikt der Achtundsechziger, der Protest der Halbstarken sei unpolitisch gewesen, nahm Uta Poiger sie in Schutz: Gerade in der DDR riskierten halbstarke Jugendliche vom Schulverweis bis zur langjährigen Gefängnisstrafe weit mehr als die Acht undsechziger an den Universitäten.(5) Ein jüngerer Vergleich von Halbstarken in Deutschland und den USA kommt zu dem Schluss, die amerikanischen Jugendlichen hätten die Schranken zwischen Arbeiter- und Bürgerkultur eingerissen, während die deutschen Jugendlichen eher gegen antiamerikanische Ressentiments der Weltkriegsgenera tion protestierten.(6) Im Unterschied zu den Selbstbeweihräucherungszeremonien der Achtundsechziger wird das fünfzigste Jubiläum der Halbstarken nicht gefeiert. Was von ihnen bleibt, sind keine Manifeste und schon gar keine politischen Vermächtnisse. Auch war nicht alles an ihrem generationellen Stil neu. Vieles haben sie von vorangegangenen Generationen übernommen: die Musik von den Swings, die bunte Kleidung von den Zoot Suiters, die Straße von den wilden Cliquen der vierziger Jahre. Die Halbstarken waren jedoch die erste Generation, die sich weltweit identisch unter den Zeichen einer neuen Zeit formierte. Ihre an technischen Innovationen orientierte Kultur erhob den Rhythmus und die Geschwindigkeit zum Paradigma. Nachfolgende Generationen praktizieren unter Namen wie Mods, Rocker oder Punks nur Variationen dieses erstmals in den fünfziger Jahren verbreiteten, transnationalen Identitätskonzeptes im Namen des Pop. Es spricht somit einiges für die These, dass die Popkultur mit den Halbstarken erst richtig begann.


Anmerkungen

1. Vgl. Curt Bondy u. a., Jugendliche stören die Ordnung. Bericht und Stellungnahme zu den Halbstarkenkrawallen. München 1957.

2. Günther Kaiser, Randalierende Jugend. Eine soziologische und kriminologische Studie über die sogenannten »Halbstarken«. Heidelberg 1959.

3. Vgl. Heinz Schimetschke, Der jugendliche Mopedfahrer. Eine verkehrspsychologische Untersuchung der Verhaltensmotivation männlicher Jugendlicher. München 1958.

4. Kaspar Maase, Bravo Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur in der Bundesrepublik in den fünf ziger Jahren. Hamburg: Hamburger Edition 1992; Thomas Grotum, Die Halbstarken. Zur Geschichte einer Jugendkultur der 50er Jahre. Frankfurt: Campus 1994.

5. Uta G. Poiger, Jazz, Rock, and Rebels. Cold War Politics and American Culture in a Divided Germany. Berkeley: University of California Press 2000.

6. Sebastian Kurme, Halbstarke. Jugendprotest in den 1950er Jahren in Deutschland und den USA. Frankfurt: Campus 2006. © Merkur, Nr. 710, Juli 2008

© Merkur (www.online-merkur.de)

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Colonel Offline

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BeitragVerfasst am: 15.07.2008 10:02    Titel:
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Danke für diesen Artikel!

Leider ist es momentan zu warm für die Lederjacke.. Mr. Green
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